Am 13. Februar wird sich Dresden einmal mehr an die beiden Tage erinnern, an denen vor 65 Jahren seine Innenstadt durch ein furchtbares Bombardement zerstört wurde, und der 35000 Menschen gedenken, die damals innerhalb weniger Stunden in einem höllischen Feuersturm zugrunde gingen. Das ist gut so. Aber es genügt nicht.
Und es genügt auch nicht, sich mit der Frage zu beschäftigen, ob der Angriff, dem sie zum Opfer fielen, zu diesem Zeitpunkt noch notwendig war. Wer sich wahrhaft erinnern will, muss weiter zurückdenken. Er muss sich vergegenwärtigen, was das für ein Krieg war, in dem das geschah. Dieser Krieg war kein Naturereignis und erst recht kein Verteidigungskrieg. Er war – so hat es der Bundestag im Mai 1997 in einer nahezu einstimmig verabschiedeten Entschließung formuliert – ein Angriffs- und Vernichtungskrieg, ein vom nationalsozialistischen Deutschland verschuldetes Verbrechen. Ein Krieg, den das Regime noch fortsetzte, als die totale Niederlage bereits mit Händen zu greifen war. Der in Europa rund 40 Millionen Menschen das Leben kostete und in seiner Schlussphase auch auf unser Volk hart zurückschlug. Auch die deutsche Teilung war eine Folge dieses Krieges.
Erinnern sollten wir uns aber auch an die Ursachen, die dazu führten, dass das NS-Regime seine unumschränkte Herrschaft erst in unserem Land errichten und wenig später für einige Zeit fast über ganz Europa ausdehnen konnte. Die es auch möglich machten, dass in dieser Zeit Millionen von Juden dem Holocaust zum Opfer fielen. Denn das gehört auch zur Wahrheit. Und ebenso ist es wahr, dass es 1933 nicht mehr genug Deutsche gab, die sich für die Demokratie engagierten. Dass nur noch eine Minderheit für die Republik kämpfte.
Das alles ist umso notwendiger, als sich am 13. Februar wiederum Tausende von Neonazis aus ganz Europa in Dresden versammeln werden. Nicht, um für Frieden und Versöhnung einzutreten. Sondern um das Gedenken an den 13. Februar 1945 und in schändlicher Weise das Wort „Holocaust“ zu missbrauchen. Um nationalsozialistisches Gedankengut zu beleben. Um die Opfer des NS-Gewaltregimes zu beleidigen. Und um zu zeigen, dass sie sich anschicken, wieder die Straße zu beherrschen. So wie SA und SS das einst getan haben.
Gerade in diesem Zusammenhang ist es zu begrüßen, dass vom 27. Januar bis zum 26. Februar 2010 in der Dreikönigskirche eine Ausstellung stattfindet, die der „Weißen Rose“ – also einer Gruppe junger Menschen gewidmet ist, die dem NS-Gewaltregime entschiedenen Widerstand geleistet und dabei selbst ihr Leben eingesetzt haben. Denn diese Gruppe, zu der insbesondere Hans und Sophie Scholl gehörten, verfasste und verteilte vom Sommer 1942 an in München und auch an anderen Orten eine Folge von Flugblättern, in denen sie zum gewaltlosen Widerstand gegen Hitler und sein Regime aufforderten. Ihre Aktivitäten bezahlten sie und fünf andere Mitwirkende mit ihrem Leben und eine größere Anzahl von Beteiligten mit harten Freiheitsstrafen. Im letzten Flugblatt, das sie verbreiteten, hieß es unter anderem: „Im Namen der ganzen deutschen Jugend fordern wir von dem Staat Adolf Hitlers die persönliche Freiheit, das kostbarste Gut des Deutschen, zurück, um das er uns in der erbärmlichsten Weise betrogen hat“ und „Es gilt den Kampf jedes Einzelnen von uns um unsere Zukunft, unsere Freiheit und Ehre in einem seiner sittlichen Verantwortung bewussten“ Staatswesen.
Soweit wir die Lebensgeschichten der Geschwister Scholl und der anderen Angehörigen der „Weißen Rose“ kennen, unterschieden sie sich zunächst nicht wesentlich von den Lebensläufen ihrer Altersgenossen. Gewiss wuchsen einige von ihnen in Elternhäusern auf, die dem Nationalsozialismus fern standen. Der Vater Scholl etwa – dem ich in den sechziger Jahren noch persönlich begegnet bin – war ein erklärter Gegner des Nationalsozialismus und musste wegen kritischer Bemerkungen über Hitler 1942 vier Monate im Gefängnis verbringen. Aber Hans und Sophie Scholl waren beispielsweise zugleich Mitglied der Hitlerjugend beziehungsweise des BDM, und engagierten sich dort einige Jahre auch in herausgehobeneren Funktionen. In dieser Zeit begann indes bereits ein Umdenkprozess, der bei Hans Scholl auch durch seine Herkunft und seine fortdauernde Verbindung mit einem bestimmten Zweig der bündischen Jugend gefördert wurde und in dessen Verlauf sich allmählich beide von der ideologischen Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus befreiten und Schritt für Schritt die menschenverachtende Realität des Regimes erkannten. So ist von Hans Scholl überliefert, dass er vom Nürnberger Reichsparteitag des Jahres 1936, an dem er noch als HJ-Fahnenträger teilnahm, verändert nach Hause zurückkehrte. Er fühlte sich offenbar als Rädchen im Mechanismus einer riesigen Maschine missbraucht. 1937 wurde er überdies schon als Soldat wegen seiner fortdauernden Kontakte mit einer bündischen Jugendgruppe vorübergehend verhaftet.
Im Kriege kamen dann Erkenntnisse hinzu, die Hans Scholl und seine Gefährten als Sanitätssoldaten während ihres Einsatzes im Osten gewannen. Etwa konkretes Wissen über die Judenverfolgung. So schrieben sie schon 1942 in ihrem ersten Flugblatt: „Wer von uns ahnt das Ausmaß der Schmach, die über uns und unsere Kinder kommen wird, wenn einst der Schleier von unseren Augen gefallen ist und die grauenvollsten und jegliches Maß unendlich überschreitenden Verbrechen ans Tageslicht treten.“ Und in einem anderen Flugblatt sprachen sie sogar ausdrücklich die Judenverfolgung an. „Nur als Beispiel, weil wir die Tatsache kurz anführen, die Tatsache, dass seit der Eroberung Polens dreihunderttausend Juden in diesem Land auf bestialischste Art ermordet worden sind. Hier sehen wir das fürchterlichste Verbrechen an der Würde des Menschen, ein Verbrechen, dem sich kein ähnliches in der ganzen Menschengeschichte an die Seite stellen kann. …“ Die Überzeugung, dass der Krieg in einer Katastrophe enden würde, zu der sie schon vor Stalingrad gelangt waren, kam dann noch hinzu.
Sie wussten also, was damals nicht alle, aber doch eine nicht geringe Zahl anderer Deutscher auch wusste. Und sie besaßen ethische Maßstäbe, aus denen sie den verbrecherischen Charakter des Regimes ableiteten. Maßstäbe, die sie als unverrückbar ansahen. Aber was gab ihnen die Kraft, dann auch demgemäß zu handeln und sogar den Tod nicht zu scheuen? Eine Kraft, die nur wenige aufbrachten. Offenkundig war es die sittliche Empörung, das Gefühl, einem höheren Gebot, vielleicht sogar der Verantwortung vor Gott, folgen zu müssen. Wahrscheinlich wollten sie auch für den Fall des Scheiterns ein Zeichen setzen. Deshalb schrieben sie in ihrem fünften Flugblatt „Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, den ihr um Euer Herz gelegt habt. Entscheidet Euch, eh‘ es zu spät ist.“
In all dem steckt ein Vermächtnis. Es lautet: Wir wollen nicht nur in Erinnerung bleiben. Vielmehr sollt Ihr, die Ihr heute lebt, Eure Verantwortung erkennen. Ihr dürft neuen neonazistischen Aktivitäten und Provokationen gegenüber nicht untätig bleiben. Gerade ihr in Dresden wisst, wo das endet.
Wer solchen Herausforderungen gegenüber passiv bleibt, wer sich nicht daran beteiligt, über alle sonst relevanten Parteigrenzen hinweg auf den Aufmarsch der Neonazis eine Antwort zu geben, der verfehlt das Beispiel, das die „Weiße Rose“ gegeben hat. Denn deren Angehörige haben gehandelt, als das ungeheuren Mut erforderte. Wir Heutigen brauchen keinen Mut, um das Notwendige zu tun. Und um der Mahnung derer gerecht zu werden, die damals ihr Leben opferten. Der Mahnung „Nicht noch einmal! Nie wieder!“, die uns alle verpflichtet. Oder, wie es die „Weiße Rose“ in ihrem vierten Flugblatt selbst formulierte „Wir schweigen nicht, wir sind Euer böses Gewissen; die Weiße Rose lässt Euch keine Ruhe!“ Und das gilt am 13. Februar eben ganz besonders auch für Dresden.
Die Ausstellung über die Weiße Rose wird am 27. Januar in der Dreikönigskirche in Dresden eröffnet. Die Schau ist bis zum 26. Februar zu sehen.

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